1. – 13. Schuljahr

Peter Neumann

Weniger ist zumindest manchmal mehr!

Ingo Wagner. Wissen im Sportunterricht.
Meyer & Meyer, 2016
390 Seiten, 29,95€.
Folgt man der neuen Lehrplangeneration im Sport, gewinnen kognitive Kompetenzerwartungen aktuell gegenüber motorischen Lernzielen zunehmend an Bedeutung. Dies lässt sich beispielsweise an der Anzahl der kognitiven Kompetenzformulierungen ablesen, die in Lehrplänen zu finden sind. Des Weiteren weisen übergeordnete Kompetenzbausteine, wie Reflexionskompetenz, in Richtung einer anzubahnenden reflexiven Handlungsfähigkeit: Gewichtiger werden damit Unterrichtsziele, bei denen die Vermittlung von Wissen sichtbarer neben die Vermittlung motorischen Könnens tritt.
Nun muss man die Vermittlung von Bewegungskönnen und Wissen im Sportunterricht nicht zwingend als Opposition betrachten. Aber die (empirisch erhärtete) These liegt nahe, dass das fachkulturelle Selbstverständnis vieler Sportlehrkräfte der Expansion einer Wissensvermittlung kritisch bis distanziert gegenübersteht. Allerdings und hier setzt die vorliegende Arbeit an wissen wir über den Status quo der Wissensvermittlung im Sportunterricht (noch) recht wenig.
Vor diesem Hintergrund formuliert Wagner seine übergeordnete „Leitfrage (S.16) nach den Zielen, Inhalten und Methoden der Wissensvermittlung im Sportunterricht sowie nach dem korrespondierenden Wissenserwerb der Schüler und Schülerinnen.
Das vorliegende Buch beinhaltet eine fünfteilige Grundstruktur, die den Leserinnen und Lesern ein Stück weit Orientierung und Ordnung bietet: Die Einleitung (S.1431) umfasst zwei Kapitel zur Generierung der Forschungsfragen und zur zeithistorischen Einordnung der Wissensvermittlung in den fachdidaktischen Diskurs seit 1970. Der exkurshafte Rückblick verdeutlicht, dass Forderungen nach einer Aufwertung des Denkens im Sportunterricht keineswegs eine Erfindung unserer Zeit sind.
Der konzeptionelle und empirische Forschungsstand wird sehr umfangreich und detailliert in den Kapiteln 3 bis 8 umrissen (S. 32142). Zunächst strebt der Autor eine Begriffsklärung an, die im Kern auf die Unterscheidung zwischen sprachlich mitteilbarem deklarativen Wissen und sprachlich nicht immer zugänglichen Formen prozessualen Wissens (Strategiewissen und Handlungswissen) Bezug nimmt. Allerdings fällt dem Autor eine klare Begriffsbestimmung angesichts der Vielzahl möglicher Systematiken und Perspektiven verständlicher Weise schwer.
Das gewählte Forschungsdesign (S.143177) wird detailliert begründet und beschrieben. Aus forschungsökonomischer Sicht, so der Autor, wird die Gesamtstudie in Nordrhein-Westfalen im Sportunterricht der Sekundarstufe I von Gymnasien und Gesamtschulen realisiert, da diese Schulformen eine gymnasiale Oberstufe aufweisen und insofern eine höhere Verpflichtung und Verbindlichkeit kultivieren, Lernenden im Sportunterricht Wissen zu vermitteln. Insgesamt geht es Wagner darum, Wissensvermittlung im Sportunterricht aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenen Ebenen empirisch in den Blick zu nehmen: Auf der Makroebene sollen eine Lehrplananalyse (Nordrhein-Westfalen, Sek. I), auf der Mesoebene eine Kombination aus der Analyse schuleigener Lehrpläne und einer Fragebogenstudie und auf der Mikroebene die Videografie von 12 Sportstunden sowie Leitfadeninterviews mit ausgewählten Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern „Licht in das Dunkle bringen.
Nach einem so umfangreichen Vorlauf ist der Leser natürlich gespannt, welche spezifischen Ergebnisse (S. 178299) die verschiedenen Teilstudien zu Tage fördern und wie der Autor die einzelnen Ergebnisstränge bündelt und bilanziert.
Die kriteriengeleitete Analyse des nordrhein-westfälischen Lehrplans für die Sekundarstufe I erweist sich auf den Ebenen von Zielen, Inhalten und Methoden der Wissensvermittlung als unterschiedlich ergiebig: Während sich vergleichsweise hohe pädagogische Erwartungen an eine Wissensvermittlung knüpfen (emanzipatorische Ziele) und sich...

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