2. – 4. Schuljahr

Sharon Pluschke

Wir entwickeln ein Spiel

Genetisches Lehren und Lernen im Sportunterricht: Kinder entwickeln eigene Spiele, erproben und verändern diese

Eine einfache Holzbank wird zum Piratenschiff, ein ausgebreitetes Tuch zu glühender Lava eines Feuer speienden Vulkans, ein Seil um einen Ast geschlungen zur Liane, mit deren Hilfe es einen gähnenden Abgrund (oder doch bloß eine Pfütze?) zu überwinden gilt das Entwickeln von Spielen nimmt im Alltag von Kindern eine zentrale Rolle ein und findet ganz unbewusst, unangeleitet und zufällig statt. Um dieses Phänomen in die Turnhalle zu holen und dabei zu gewährleisten, dass alle Kinder am Spiel beteiligt sind und man der individuellen Leistungsfähigkeit gerecht wird, gilt es, den Prozess der selbstständigen Spielentwicklung bewusst zu initiieren, zu strukturieren und zu begleiten. Gemäß dem pädagogischen Konzept des genetischen Lehrens und Lernens (Wagenschein, 1999) entwickeln die Schülerinnen und Schüler selbsttätig nach ihren (Spiel-)Vorstellungen eigene Lösungen und erproben diese, anstatt vorgegebene, fertigkeitsorientierte und „auf motorische Realisierungsformen reduziert[e] (Bietz, 2002, S.1) Techniken einzuüben. Ziel der Doppelstunde ist es, in Kleingruppen Spiele zu entwickeln und diese gemeinsam so zu verändern oder weiterzuentwickeln, dass am Ende Spiele entstehen, an denen die gesamte Klasse Freude findet. Die Lehrkraft nimmt dabei eine sokratische, beobachtende und begleitende Rolle ein.
In der Primarstufe kennen die Kinder bereits zahlreiche Spiele und können Lieblingsspiele benennen. Dabei ist ihnen aber nicht zwingend bewusst, weshalb ihnen ein Spiel gefällt, während ein anderes ihnen keine Freude bereitet. Im Sitzkreis gehen wir darum zunächst gemeinsam der Frage nach, was ein Spiel zu einem guten Spiel macht, und schreiben alle Punkte auf ein Plakat. „Es muss Spaß machen, sagt Diana. „Ja, und es muss einfache Regeln haben, ergänzt Frederick. „Wieso einfach? Es muss ja schon auch ein bisschen schwierig sein, widerspricht Lian. Dass gerecht und fair gespielt werden muss, darin sind sich alle einig. Ich ergänze, dass es für ein gutes Spiel wichtig ist, dass alle Schülerinnen und Schüler mitspielen dürfen und können. Das gemeinsame Erstellen dieses Kriterienkatalogs bildet die Basis der Unterrichtsstunde. Dass die Kinder heute selbst zu Erfindern und Erfinderinnen werden dürfen, weckt die Neugier aller und die Klasse kann es kaum erwarten, sich der Herausforderung der Spielentwicklung zu stellen.
Kreativität mit Rahmen
Kriterien für ein gutes Spiel haben wir notiert, doch womit spielen wir eigentlich? Der Auftrag, ein Spiel ohne jegliches Spielmaterial zu entwickeln, kann genauso überfordernd sein, wie die sehr weit geöffnete Aufgabenstellung, sämtliche in der Turnhalle befindlichen Materialien für die Spielentwicklung nutzen zu dürfen. Zur Unterstützung und Orientierung ist ein gewisser Handlungsrahmen sinnvoll, innerhalb dessen sich die Kreativität der Schülerinnen und Schüler entfalten kann. Im Vorfeld habe ich vier (für den Sportunterricht eher ungewöhnliche) Gegenstände ausgewählt: eine Zeitung, ein Handtuch, eine Box mit Klammern und einen Eimer. Dass es sich dabei um Alltagsgegenstände handelt, stellt eine Alternative zu bekannten, oft funktional festgelegten Spielmaterialien dar und soll den Kindern kreativitätsfördernde Impulse geben. Typische Sportspielmaterialien wie Bälle oder Springseile sind genauso möglich, könnten aber aufgrund der Assoziation mit bekannten Spielideen hinderlich bei der Entwicklung neuer Spiele sein.
Für die Gruppeneinteilung habe ich laminierte Kärtchen vorbereitet, welche jeweils mit einem der vier Alltagsgegenstände bedruckt sind. Jedes Kind darf ein Kärtchen ziehen und sich mit der jeweiligen Gruppe einen Platz in der Turnhalle suchen. Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Aufgabe, in diesen Kleingruppen ein „funktionierendes Spiel zu erfinden. Vorgegeben sind lediglich das...

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