1. – 13. Schuljahr

Das Wasser lesen lernen

Interview mit Schwimmliebhaber und Autor John von Düffel

Zur Person
Zur Person
John von Düffel, geboren 1966 in Göttingen, ist als Autor und Übersetzer tätig. Er arbeitet als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und ist Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste.
John von Düffel ist passionierter Schwimmer, der seine Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit dem Element Wasser in einer Reihe von Veröffentlichungen
dargestellt hat. Eine Auswahl seiner Werke:
  • Vom Wasser. (1998)
  • Schwimmen. Kleine Philosophie der Passionen. (2000)
  • Schwimmen. (2004)
  • Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen. (2016)
Herr von Düffel, Sie können seit Ihrem 5. Lebensjahr schwimmen. Wie und wo haben Sie schwimmen gelernt?
Meine Erinnerungen daran sind wenn das Wortspiel erlaubt ist einigermaßen verschwommen. Gefühlt konnte ich immer schon schwimmen. Einen richtigen Schwimmunterricht habe ich zunächst nicht gehabt, sondern mir die Bewegungsabläufe von älteren Kindern und meinen Eltern zeigen lassen. Die Sommer meiner Kindheit habe ich zwischen Orpe und Diemel verbracht. Und in der Diemel gab es brusthohe Wasserterrassen, in denen man sich weitgehend gefahrlos mit dem Fluss befreunden konnte.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Schwimmen im Kindesalter?
Die schönsten. Die Zeit am und im Wasser war für mich von einer tiefen Sorglosigkeit und Unbeschwertheit geprägt. Spielerisch und aufgekratzt, da es oft ja auch kalt oder zumindest kühl war. Das tat unserer Freude an dem Element aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Mutproben gab es natürlich auch einige.
Erinnern Sie auch negative Erlebnisse?
Viele Gefahren waren mir damals gar nicht bewusst und ich hatte so etwas wie einen Wasser-Schutzengel, insbesondere wenn es ums Schwimmen im Meer oder in unbekannten Gewässern ging. Da wäre ich heute nicht mehr so leichtsinnig. Eine gewisse Negativität hat sich in mein Verhältnis zum Wasser eingeschlichen, als der Leistungsdruck im Schwimmverein zunahm und damit auch der Drill durch Trainer. Ich will das Kompetitive nicht verteufeln, es liegt sicher auch in der Natur des Sports, dass man sich vergleicht und der schnellere sein will. Aber wenn das zum System wird, ist die Leichtigkeit bald dahin.
Haben Sie auch Jugendschwimmabzeichen „erschwommen?
An Frei- und Fahrtenschwimmer erinnere ich mich. Die Aufnäher habe ich stolz auf der Badehose getragen.
Das Erfüllen der Bedingungen eines Schwimmabzeichens wird vielerorts mit der Aussage verbunden: Der/Die kann schwimmen.
Das ist natürlich ein Trugschluss, weil ein solches Abzeichen unter Bedingungen erworben wird, die der Wasserrealität im Meer oder Fluss oder See nicht entsprechen. Mit jedem Gewässer muss man sich erst eine Vertrautheit erschwimmen, da Wasser eben nie gleich Wasser ist. Es ist das Element der Verwandlung.
Was gehört aus Ihrer Sicht noch zum Schwimmen können?
Schwimmen ist ein Stück Natur- und Körperbeherrschung. Und dazu gehört, dass man aufmerksam ist für das Element, auf das man sich schwimmend einlässt, sprich: den Besonderheiten eines Gewässers nachspürt, seinen Schichten, Strömungen, Temperaturen und Tiefen. Das hat sehr stark mit Angst zu tun. Ein gewisses Maß an Überwindung gehört zum Elementenwechsel von unserer Festkörperwelt in das Flüssige. Und diese Überwindung ist vor allem ein Sieg über die Angst. Dazu muss man sich kennen man sollte aber auch das Gewässer kennen bzw. behutsam kennenlernen.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Schwimmunterricht in der Schule?
Das erste ist, meines Erachtens, dass Kinder mit dem Element Freundschaft schließen und das Wasser nicht als feindlich empfinden. Im Wasser sehen, im Wasser atmen können, es als Partner oder Spielgefährten erleben und die Eroberung eines Stücks Welt darin zu erleben durch das Tauchen und Unterwassersein, das sind wichtige Faktoren für den Beginn.
Was sollte ein Kind in der Auseinandersetzung mit dem Element Wasser noch...

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