1. – 13. Schuljahr

Nils Neuber

Demokratie und Schulsport eine vielversprechende Beziehung?

Seit einigen Jahren scheint die „gute alte Demokratie in die Jahre gekommen zu sein: Wutbürger und Populisten bekommen ungeahnten Zulauf, Autokraten und Despoten bauen ihre Führung weltweit aus, ohne dass jemand sie ernsthaft aufhalten könnte. Auch bei uns in Deutschland fühlen sich viele Menschen von einfachen Lösungen angezogen, werden rassistische Parolen wieder hoffähig, gerät das pluralistische Parteiensystem ins Wanken. Es ist also höchste Zeit, etwas zu tun bloß was? Die gängigen Forderungen wirken mitunter etwas hilflos: Mehr Transparenz, mehr Beteiligung, mehr Konfliktfähigkeit (vgl. Vorländer, 2013). Etwas grundlegender scheint da die Forderung nach mehr Demokratieerziehung in der Schule zu sein. Projekte, wie das Bund-Länder-Programm „Demokratie lernen & leben, das Anfang der 2000er-Jahre in 13 Bundesländern lief, bieten dafür durchaus erfolgversprechende Ansatzpunkte. Dennoch wirken die praktischen Umsetzungsvorschläge oft merkwürdig verkopft. Da ist von Klassenräten und Schülervertretungen, demokratischem Schulklima und Projektunterricht die Rede. Und wenn die Demokratieerziehung nicht an den Politikunterricht gekoppelt wird, soll sie in fächerübergreifenden, handlungsorientierten „Projekten des demokratischen Handelns in der Schule stattfinden (Himmelmann, 2004, S. 15).
Der Fachunterricht jenseits von Politik und Gemeinschaftskunde wird dabei weitgehend ausgeklammert. Und der Schulsport kommt in diesen Programmen so gut wie gar nicht vor. Dabei hat er einiges zu bieten: Er ist erfahrungsorientiert und interaktiv, verfügt über viele Entscheidungssituationen und -methoden, bezieht im außerunterrichtlichen Bereich oft Akteure der Zivilgesellschaft ein und vor allem: Er ist bei Schülerinnen und Schülern weitgehend beliebt. Tatsächlich erweist sich der Schulsport bei näherer Betrachtung demokratiepädagogisch als ausgesprochen interessant. Versteht man ihn als „Bewegungsbildung im Horizont allgemeiner Bildung, die Erziehung zum und durch Sport verbindet, eröffnet sich ein umfangreiches demokratiebildendes Potenzial (vgl. Prohl & Ratzmann, 2017). Ausgehend von einer Skizze zur Lage der Demokratie in Deutschland, werden im Folgenden Ansatzpunkte einer Demokratiebildung im Schulsport entwickelt. Letztlich zeigen die Ausführungen, dass sich Sportlehrerinnen und -lehrer aus den aktuellen Demokratiedebatten nicht nur nicht raushalten können, sondern dass sie gut daran tun, sich selbstbewusst einzumischen. Demokratie beginnt im Kleinen, auch in der Schule und erst recht im Schulsport.
Krise der Demokratie
Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten Ende der 1980er-Jahre schien sich die liberale Demokratie westlicher Prägung mit ihren Grundideen der Rechtsstaatlichkeit und Parteienpluralität endgültig durchgesetzt zu haben. Kaum jemand zweifelte daran, dass diese Staatsform am besten geeignet sei, Frieden, Freiheit und Wohlstand für alle zu gewährleisten. Mehr noch, die Demokratie schien als Blaupause für demokratische Schwellenländer auf der ganzen Welt geeignet zu sein. Heute, gut 30 Jahre später, wissen wir, dass die Euphorie der frühen 1990er-Jahre nicht gerechtfertigt war. Weltweit ist die Demokratie unter Druck geraten, sei es durch autoritäre Systeme oder durch populistische Politiker oder beides, was besonders erschreckend ist. Die „gelenkte Demokratie in Russland, die „illiberale Demokratie in Ungarn oder die „Ein-Parteien-Demokratie in China mögen da mit Mühe noch irgendwie ins Bild passen (Münkler, 2018), aber die antidemokratischen Tendenzen in Kernländern der Demokratie, wie Frankreich, England oder Amerika, sind schmerzhaft. Nicht zuletzt steht die Demokratie auch in Deutschland spätestens seit dem Einzug der AfD in alle Landes- und das Bundesparlament auf dem Prüfstand. Die parlamentarische Demokratie befindet sich in einer Krise.
Die Krise trifft das Selbstverständnis...

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