9. – 13. Schuljahr

Timo Stiller

Widersprüche als Chance verstehen

In einem Unterrichtsvorhaben zum Tiefstart sollen Schülerinnen und Schüler Technikleitbilder sowie Leistungsmaßstäbe kritisch reflektieren und verstehen

SARA: „Warum müssen wir eigentlich aus dieser Hocke loslaufen? Das sieht doch total bescheuert aus!
HERR MEYER: „Weil ihr damit schneller seid. Außerdem heißt das nicht Hocke, sondern Tiefstart und ist aus biomechanischer Sicht die beste Position.
TIL: „Das soll die beste Position sein? Ich bin allein damit beschäftigt, nicht hinzufallen bio-sonstwas Sicht hin oder her!
SARA: „Und gucken Sie sich mal die Rieke an, die hockt da komisch rum, dann steht sie auf und erst dann läuft sie los. Die könnte doch besser gleich aus dem Stand losrennen!
HERR MEYER: „Deswegen sage ich ihr aber doch auch ständig, dass sie sich eben nicht so schnell aufrichten soll. Außerdem ist es vom Regelwerk so vorgegeben und steht in unserem schulinternen Lehrplan! Und jetzt bewegt euch mal, sonst werden eure Zeiten und Noten nie besser!
Mag der fiktive Prolog auch etwas überzeichnet sein, verweist er doch auf ein altbekanntes Phänomen des sportunterrichtlichen Alltags: auf ein Legitimations-Problem für den Lehrenden, was die Vermittlung von Technikleitbildern betrifft, sowie auf die Paradoxie, mit der Einführung von Technikleitbildern oftmals
das Gegenteil des eigentlichen Lernziels zu erreichen. Der folgende Beitrag erhebt daher den Anspruch, gerade in der Aufdeckung und kritischen Auseinandersetzung mit der „Nicht-Passung vorgegebener Leistungsmaßstäbe, bildungstheoretische Potenziale des Faches Sport bzw. des Bewegungsfelds „Laufen, Springen, Werfen zu eröffnen. Diese lassen sich jedoch weniger mit einer deduktiven Vermittlung leichtathletischer Zieltechniken in Verbindung setzen, beinhalten in der kritischen, subjektorientierten Auseinandersetzung mit den eigenen Bewegungserfahrungen aber umso mehr „fruchtbare Momente (im Sinne Copeis, 1960) für den sportmotorischen Lern- und individuellen Bildungsprozess.
Einstieg in das Vorhaben
Der Einstieg besteht darin, dem Prolog vorzugreifen und die beschriebenen Widersprüche gezielt durch ein Experiment zu provozieren. Dazu fordere ich die Schüler und Schülerinnen auf, schnellstmöglich 20 Meter zu laufen, und zwar einmal aus dem Hochstart und einmal aus einem Tiefstart. Natürlich lasse ich vorab einschätzen, mit welchem Start sie glauben, schneller zu sein. Die Umsetzung und Ausführung der jeweiligen Technik überlasse ich den Lernenden. Wichtig ist allein, dass die Strecken exakt gleich lang sind, d.h. dass Start und Ziellinie eindeutig markiert und eingehalten werden. Ebenfalls ist es notwendig, die Stoppung mit einer Lichtschranke durchzuführen, da die Fehlertoleranz bei der Handstoppung das Ergebnis verfälscht. Den übereinstimmenden Untersuchungen zu diesem Phänomen folgend (vgl. bereits Haberkorn 1992, Jonath 1995 etc.), darf davon ausgegangen werden, dass nur wenige aus dem Tiefstart schneller sein werden. In meiner Klasse sind es gerade einmal zwei Schüler, die zudem nicht einmal Leichtathletik betreiben.
Vordergründig stellt sich daher die Frage, warum der Tiefstart in der Schule trotzdem vermittelt werden soll. Außer Frage steht hingegen, dass genau jene erfahrene „Nicht-Passung dazu führt, Erklärungen einzufordern und zu suchen. So werden die Möglichkeiten, aber auch Grenzen, sportwissenschaftlicher Erkenntnisse hinterfragt und im besten Fall wird das theoretische Wissen in Verbindung mit der praktischen Erfahrung einer persönlichen Anverwandlung unterzogen.
Ablauf der Stunde
Als Einstieg in die Stunde wird zur Vorbereitung und Befriedigung des unmittelbaren Bewegungsdrangs das „Kinderspiel Kettenfangen gespielt. Es mag vielleicht verwundern, in einer Jahrgangsstufe 9 derartige Kinderspiele durchzuführen. Grund hierfür ist jedoch die Beobachtung, dass gerade Pubertierende derartige Spielen zunächst ablehnen dann aber umso mehr als Chance nutzen,...

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