4. – 13. Schuljahr

Steffen Greve/Torsten Kleine

Handball im Sportunterricht

Ein Weltensprung zwischen Turnbeutel und Harztopf

Jans Augen liegen in tiefen Höhlen am Morgen danach. „Geschlafen hab ich nicht. Das durften wir einfach nicht verlieren. Am Ende der Saison sind es diese beiden Punkte, die für Jan und sein Team den Abstieg bedeuten, während der siegreiche Gegner in der Bundesliga bleibt. „Aber es ist nur Sport, und doch steckst du so tief drin, dass du die Nacht kein Auge zumachst.
Pias Augen glänzen, von der Tribüne aufs Feld gestürmt, endlich sind die blöden Interviews vorbei, jetzt gehört die Halle ihr und den mindestens 30 Kindern, einige auf Socken, manche im Trikot ihrer Mannschaft. Okay, ein bisschen traurig ist sie schon, dass Jan und sein Team verloren haben, ist ja „ihr Team, aber jetzt kann sie endlich selbst spielen. Auf das Tor, auf das gerade die „großen Cracks aus der Bundesliga das entscheidende Tor geworfen haben und an dem noch das Harz vom Ball am Pfosten klebt, kann sie nun selbst werfen. Gut, bei so vielen Kindern, muss sie Geduld haben und Mike drängelt sich auch immer vor, aber das Werfen macht „super viel Spaß.
Am Morgen danach, um 8 Uhr an gleicher Stelle, ist das Spiel von gestern das Thema. Auch, dass sich beide Teams kaum eine Jubelminute nach Abpfiff anerkennend und mitfühlend zum Shake-Hands treffen. Auch Jan ist da, der gestern Handballprofi war, heute Sportstudent ist und Lehrer werden will. So dauert das Gespräch der Handballer und der Nicht-Handballer, der Leistungssportler und der Hobby-Athleten in diesem Uni-Kurs unter den angehenden Lehrkräften an: Lässt sich die erlebte Faszination auch in die Schule tragen? Was macht die Sportart Handball aus? Hat dieses körperbetonte Spiel mit viel deutscher Tradition seinen Platz im Sportunterricht „verdient? Welche Begründungen finden sich? Wo liegen die Möglichkeiten von Handball als Schulsport, wo die Grenzen? Und vor allem: Was müssen wir als Lehrerinnen und Lehrer in der schulischen Inszenierung berücksichtigen?
Am Morgen danach glänzen Pias Augen im Sportunterricht nicht mehr. Ein bisschen müde ist sie, es war ja auch spät gestern, aber bei diesem langweiligen Wurfspiel, das sie gerade in der kleinen Schulturnhalle machen, „da wird man ja auch nicht wach, und Handball ist das schon gar nicht. Okay, Ben und Dani und so, die können ja nicht so werfen und fangen, da muss man Rücksicht nehmen, aber Mike und ich, wir können das ja schon, ob Frau F. auch mal auf uns Rücksicht nimmt?
Zwischen Vereinssport und Sportunterricht
Der „Weltensprung zwischen Schulsport und außerschulischem Sport (Schierz, 1993, 168) ist im Handball groß. Ballgeschicklichkeit, Spieltempo, Athletik und Körperlichkeit sind in der D-Jugend-Vereinshandballwelt Normalität, in der heterogenen sechsten Klasse von Pia und Mike eher selten. Mit zunehmenden Alter werden beim Handball im Sportunterricht die Unterschiede zwischen „Wurf-und-Fang-Könnern und „Nicht-Könnern im normierten Regelspiel schnell deutlich. Zudem unterscheiden sich die Themen und Ziele eines „Erziehenden Sportunterrichts von denen des Vereinshandballs. Auch wenn die Leitlinie „Spielerlebnis geht vor Spielergebnis (DHB, 2016) für den Kinderhandball im Verein vermehrt gelten mag, so dominiert dort im Jugendalter doch das Leistungsprinzip: Sieg oder Niederlage. Die „Zwischenwelt ist meist klein, denn Hobby-, Freizeit- oder Straßenhandballer gibt es bei Kindern und Jugendlichen praktisch nicht. Handball ist eine Domäne des Vereinssports.
Vielmehr zeigen sich im Sportunterricht „Berührungsängste bei Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern. Nach Daten der DSB Sprint-Studie Mitte der 2000er Jahre wird Handball von etwa einem Drittel der Lernenden gespielt und liegt damit in der Verbreitung deutlich hinter den drei anderen „großen Sportspielen Basketball, Volleyball und Fußball, die jeweils von knapp zwei Dritteln der Schülerinnen und Schüler im Schuljahr im...

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