1. – 13. Schuljahr

Verena Freytag/Sabine Reuker

„Get Rhythm

Anregungen für bewegungsfeldübergreifende Thematisierungen im Sportunterricht

„Nie war Paris so stark, so blendend wie in diesem Jahr, nie so strotzend von innerer Energie, so strahlend in einem vielfältigen Licht: ein anderer vehementerer Rhythmus schlittert die Straßen, und wer vordem den linden, lässigen Atem dieser Stadt geliebt, spürt erstaunt und beinahe erschreckt, wie heiß, wie leidenschaftlich und fast fieberhaft er nun schwingt. Etwas von New York, vom Tempo der amerikanischen Riesenstädte hat sich eingedrängt in die Avenuen: weiß und blendend gießt sich das Licht über die menschenflirrenden Straßen, von Dach zu Dach springen die Leuchtplakate, und die Häuser zittern bis hinauf zum First vom Gedröhn der Automobile. Die Farben, die Steine, die Plätze, alles glüht und flackert und brennt von diesen neuen Geschwindigkeiten, bis hinab in die donnernde Höhlung der Untergrundbahnen schwingt jeder Nerv dieser blendenden Stadt, und jede Fiber des eigenen Leibes schwingt unbewußt mit: man fühlt sich gejagt, geschoben, getragen von diesem flirrenden Rausch, der betäubt und beglückt und doch müde macht.
Lustvoll ist dieses Tempo, eine Phantasmagorie dem Blick, eine starke Spannung dem Gefühl aber dann kommt immer wieder ein Augenblick, in dem man sich sagt: zu viel! Nirgends ist eine halbe Stunde Stille von morgens bis morgens in dieser aufgeschwellten, fiebrigen Stadt, bis weit hinaus nach St. Cloud und Sèvres zucken noch die Nerven ihrer ruhelosen Leidenschaft: nirgends, nirgends mehr »la douce France«, nirgends eine Stelle, wo man still gegen Abend zu das silberne Licht über die Seine sehen kann []. Und plötzlich, sehnsüchtig nach einer Stunde Entspannung, erinnere ich mich, als einzige der großen Kathedralen jene von Chartres nicht gesehen zu haben; sie ist anderthalb Stunden weit, und ich weiß im voraus schon: zwischen ihr und Paris liegt ein Jahrtausend , in anderem, ruhevollerem Takt schwingt dort der Rhythmus der Zeit. (aus: Stefan Zweig: Reisen in Europa, Kap. 6)
Der kurze Buchausschnitt aus Stefan Zweigs Reisen in Europa verdeutlicht, wie unser alltägliches Lebensgefühl von Rhythmen geprägt sein kann. Für Zweig ist es in diesem Beispiel der pulsierende Rhythmus der Großstadt, den er in sich aufnimmt, die Hektik und Vielfalt des sich durch Technisierung und Modernisierung verändernden Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Beispiel zeigt somit, dass Rhythmus mehr ist als ein musikalisches Element. Rhythmen prägen auch unseren Alltag, wobei das Begriffsverständnis dabei in der Regel von alltagssprachlichen Zuschreibungen geleitet ist.
Im Kontext von Bewegung, Spiel und Sport denken viele zunächst an musikalisch-rhythmisches Bewegen wie beispielsweise im Tanz, der rhythmischen Sportgymnastik oder dem Eislaufen. Rhythmus wird darüber hinaus aber auch ohne Zusammenwirken mit Musik beim rhythmischen Ausführen von Bewegungen zum Ausdruck gebracht. Der Lauf über Hürden oder das Ausführen eines Korblegers sind hierfür typische Beispiele. In Körperpraktiken wie Yoga spielt der (Atem-)Rhythmus eine besondere Rolle, im Ruder-Vierer ist ein gemeinsamer Gruppenrhythmus für das Vorwärtskommen geradezu konstitutiv und in Mannschaftssportarten wird der Spielrhythmus in den Blick genommen. Dabei scheint es erstrebenswert, den eigenen Rhythmus zu finden und gegenüber anderen Spielrhythmen durchzusetzen. Schon hier deutet sich eine Vielfalt an, die es Bröger und Probst (2010) zufolge nahezu unmöglich macht, den Begriff umfassend darzustellen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch im Kontext von Bewegung, Spiel und Sport der Übergang zu alltagssprachlichen Zuschreibungen fließend ist, wie beispielsweise Medienberichte zum fehlenden Spielrhythmus erfolgloser Mannschaften andeuten.
Mit dem einleitenden Ausschnitt aus Zweigs Reisebericht soll aber auch die Ambivalenz intensiver Rhythmuserfahrungen aufgezeigt werden. Das Beispiel verdeutlicht, dass das...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen