1. – 4. Schuljahr

Matthias Jakob

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Eine Begegnung von Kind und Pferd in einer Reit-AG

Da sitzt er auf Imsy. Konzentriert, aber nicht verbissen. Ernst, aber nicht schlecht gelaunt. Angespannt, aber nicht verkrampft. Auf sich bezogen, aber nicht nur mit sich unterwegs. Imsy gibt die Schrittart und den Weg vor. Er muss sich dem fügen. Er sitzt im Sattel und hält die Zügel. Seine Kraft und Konzentration sind nun Voraussetzung, um im Sattel sitzen zu bleiben und die Balance zu halten. Es ist ein Wechselspiel zwischen ihm und Imsy, bei dem das Pferd den Ton und den Takt der gemeinsamen Bewegung und Beziehung anzugeben scheint.
In der Schule steht er auch oft unter Anspannung. Seine Kraft ist dann häufig gegen andere gerichtet, denen er auch Schaden zufügt, wenn er, so wie er meint, geärgert und falsch verstanden wurde. Schnell fühlt er Reaktionen anderer auf sich bezogen, derer er sich nur mit aggressiven Handlungen abzuhelfen weiß. Es ist ihm hier noch kein Wechselspiel zwischen der Deutung von Verhaltensweisen anderer und einer angemessenen Reaktion darauf möglich. Bis jetzt ist ihm daher noch kein gemeinsames Vorankommen mit anderen möglich. Das ist auf Imsy anders
Dies alles ist ein Versuch. Das Zusammentreffen von Kind und Pferd im außerunterrichtlichen Kontext. Die Voraussetzungen für diese Form unterrichtlicher Ergänzung sind günstig. Ein Reiterhof in der Nähe der Schule, eine pferdeerfahrene Kollegin und das bei vielen vorhandene Bewusstsein dafür, dass gerade Kindern mit besonderen Eigenarten und Besonderheiten einmalige und schöne Erlebnisse ermöglicht werden sollten und guttun könnten.
Was mit dem Reiten alles einhergehen kann. Hoffnungen
Von Tieren geht für viele Kinder eine große Faszination aus. Auch oder erst recht von Pferden. Die Zuneigung zu ihnen ist häufig aber auch von Respekt, im ungünstigen Fall von Angst, geprägt. Im Umgang mit Pferden diese Angst abzubauen und zu überwinden, ein Pferd als Gefährten wahrzunehmen, ist sicher eine grundlegende Herausforderung. „Ich hatte erst große Angst auf dem Pferd, weil ich mir vorstellte, wie es ist, runterzufallen. Aber ich wollte das unbedingt schaffen, weil ich Imsy so süß fand. Und da habe ich mich ganz doll angestrengt, beschreibt Jessica ihre Gefühlslage.
Ein erster Zugang ist zunächst das Abholen und Führen des Pferdes von der Weide. Mit dem Putzen und der Pflege des Pferdes vor dem Reiten geht es weiter. Das Striegeln, Hufe auskratzen und das Satteln gehören dazu. Diese Tätigkeiten schaffen eine erste Kontaktaufnahme und Annäherung. Auf das Pferd in den Sattel zu gelangen und das Sitzen im Sattel erfordern ein hohes Maß an Balance und Konzentration sowie feinfühlige Hilfen (Gewichts-, Zügel- und Schenkelhilfen). Man muss auf das Verhalten des Pferdes reagieren bzw. sich durch einen behutsamen Wechsel von Spannung und Entspannung gemeinsam mit dem Pferd bewegen. Das Reiten ist eine dialogische Verbindung mit dem Pferd und ein Wechselspiel zwischen Tun und Lassen, führen und geführt werden, zwischen bewegen und bewegt werden.
Diese erhöhten Anforderungen an die Wahrnehmungsfähigkeit und Koordination können dazu führen, dass die Kinder ihren Körper und den des Pferdes kennenlernen und spüren, dass man mit einem behutsamen Einsatz von Kraft viel erreichen kann. Bezogen auf die Kinder, geht mit dem Reiten die Hoffnung einher, dass eine Junge wie Mike, der für sich noch keinen Weg gefunden hat, im Umgang mit anderen nur mit Nichtstun oder aggressivem Handeln zu reagieren, erfährt, dass eine Beziehung zu jemandem ein Geben und Nehmen voraussetzt, um miteinander voranzukommen.
Es wäre weiterhin wünschenswert, dass ein Mädchen wie Jessica durch den Umgang mit einem Pferd lernt, sich etwas zuzutrauen, an sich und ihre Möglichkeiten zu glauben und ermutigt zu werden, motorische Herausforderungen anzunehmen, anstatt gleich zu sagen: „Ich kann das nicht!
Mit dem Reiten verbindet sich auch die Hoffnung, dass ein Kind wie Henry lernt, dass er sehr...

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